MÄRKTE

Die Schweiz auf dem Weg zum Mobile-Payment-Land

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Der Schweizer Markt ist aus deutscher Sicht ein Muster an Zusammenarbeit in der Payment-Branche. Das gilt nicht nur, aber auch für das mobile Bezahlen. Dass das Mobile Payment in der Schweiz der jüngsten Ausgabe des Swiss Payment Monitor zufolge so stark im Aufwind ist, liegt nicht zuletzt am Erfolg von Twint, das für deutlich mehr als die Hälfte der mobilen Transaktionen und Umsätze steht und die Tech-Giganten Apple, Google oder Samsung weit hinter sich lässt und mobile Zahlungen zum größten Teil direkt über das Girokonto abwickelt. Red.

Viele Köche verderben sprichwörtlich den Brei. Das gilt in gewisser Weise auch für den Zahlungsverkehr. Immer dann nämlich, wenn es darum geht, Standards zu erarbeiten und gemeinschaftliche Lösungen zu entwickeln und in den Markt zu bringen, wird das umso schwieriger, je mehr Beteiligte mit am Tisch sitzen und ihre Interessen mit einbringen. Prägnantestes Beispiel dafür sind die wiederholten Bemühungen, ein echtes europäisches Payment Scheme zu schaffen, die bis heute nicht von Erfolg gekrönt wurden. Doch auch in Deutschland wäre manche Entwicklung vielleicht schneller vonstattengegangen, wenn nicht so viele verschiedene Interessen unter einen Hut gebracht werden müssten.

Im Payment-Markt Schweiz ist der gegenteilige Effekt zu beobachten: Hier sind Zusammenarbeit beziehungsweise Standardisierung in einem Ausmaß gelungen, wie es sich viele Akteure in Deutschland kaum zu erträumen wagen würden.

Zusammenarbeit in mehreren Bereichen

Da ist zum einen der ep2-Standard für EFT/PoS-Terminals, von dessen aktuellen Herausforderungen Christian Vetsch in diesem Heft berichtet.

Da ist zum anderen die einheitliche Geldautomatensoftware "ATM Futura", die von Six im Auftrag der Schweizer Banken entwickelt wurde, um die ursprünglich 20 verschiedenen Lösungen am Schweizer Markt durch eine Standardsoftware zu ersetzen. Ein erster Automat der Crédit Suisse mit der neuen Software ist 2017 in den Pilotbetrieb gegangen. Im Herbst 2020 wurde die Migration auf ATM Futura abgeschlossen.

Damit sind die Geldautomaten aller Schweizer Banken mit einer einheitlichen Software ausgerüstet und verfügen über die gleiche Bedienungsoberfläche und Benutzerführung. Auch neue Funktionen sind für alle Geräte verfügbar und können von den Banken aufgeschaltet werden, beispielsweise Bargeldabhebungen und -einzahlungen mittels QR-Code, etwa über das Smartphone, die freie Kontenauswahl beim Bargeldbezug, eine individuellere Wahl der ausgegebenen Banknoten und eine Audio-Funktion für Personen mit Sehbehinderung.

Mit dem Wechsel der Software verarbeitet Six alle Transaktionen und Eingaben an den Geldautomaten sowohl von bankeigenen als auch von Fremdkunden. Das Monitoring-System kann als Softwarelösung von den Banken selbst genutzt oder auch an den Dienstleister ausgelagert werden.

Und natürlich ist beim Thema marktweite Zusammenarbeit die Schweizer Mobile-Payment- Lösung Twint zu nennen, die dem Bezahlen per Smartphone in der Eidgenossenschaft zu einer Verbreitung verholfen hat, von der Deutschland trotz der Veränderung des Bezahlverhaltens während der Corona-Pandemie noch immer weit entfernt ist. Dass Banken und Handel hier gemeinsam an einem Strang gezogen haben, hat zu diesem Erfolg zweifellos beigetragen, wurde doch so die berüchtigte Henne-Ei-Problematik ein Stück weit vorab beseitigt.

In einem überschaubaren Markt wie der Schweiz ist dergleichen Einigkeit zweifellos leichter zu erzielen als in ungleich größeren Märkten. Und doch zeigt der Blick von Christian Vetsch auf ep2, dass die zunehmende Internationalisierung des Payment-Geschäfts auch solche nationalen Besonderheiten schwieriger macht. Hier erweist sich die geringe Größe des Marktes vielleicht eher als Nachteil.

Bei Debittransaktionen steigt der Durchschnittsbon

Auch was das Bezahlverhalten angeht, lassen sich deutliche Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland beobachten, obwohl beide Märkte doch so gerne gemeinsam mit Österreich als DACH-Region zusammengefasst werden. Wie in Deutschland hat die Corona-Pandemie zwar auch in der Eidgenossenschaft zwar anfänglich sprunghafte Verschiebungen im Zahlungsverhalten ausgelöst, die sich im Lauf des Jahres 2021 wieder stabilisiert haben.

Im Detail zeigt die jüngste Ausgabe des Swiss Payment Monitor (1/2022), der gemeinsam vom Swiss Payment Research Center (SPRC), der ZHAW School of Management and Law und dem Swiss Payment Behaviour Lab (SPBL) der Universität St. Gallen herausgegeben wird, jedoch die Besonderheiten. Im November 2021 wurde dafür über ein Online-Access-Panel eine für die Schweizer Bevölkerung repräsentative Stichprobe von 1460 Personen im Alter zwischen 18 und 87 Jahren aus allen drei Landesteilen rekrutiert, befragt und anschließend zu einer dreitägigen Tagebucherhebung zum Bezahlverhalten eingeladen.

Die Ergebnisse zeigen: Die Debitkarte ist das meistgenutzte Zahlungsmittel sowohl hinsichtlich Einsatzhäufigkeit als auch gemessen am Umsatz, auch wenn ihre relativen Anteile im Vergleich zum Mai 2021 sowohl beim Umsatz auf 30,1 Prozent (minus 1,2 Prozentpunkte) als auch bei der Anzahl der Transaktionen auf 31,8 Prozent (minus 2,4 Prozentpunkte) (Abbildung 2) leicht gesunken sind.

Bargeld beim Umsatz hinter der Kreditkarte

Bezogen rein auf das Präsenzgeschäft hat die Debitkarte beim Anteil nach der Anzahl der Transaktionen 1,7 Prozentpunkte verloren (36,5 Prozent aller Transaktionen), jedoch beim Umsatzanteil 1,0 Prozentpunkte zugelegt (41,5 Prozent). Das bedeutet, dass - anders als in Deutschland, wo der Durchschnittsbon durch das kontaktlose Bezahlen sinkt - relativ zu den anderen Zahlungsmitteln vor Ort vermehrt größere Beträge mit der Debitkarte beglichen wurden, unter anderem zulasten von Bargeld und der Kreditkarte.

Abbildung 1: Mobile Payment wächst am stärksten

Barzahlungen machen in der Schweiz 30,2 Prozent der Transaktionen aus - das sind 0,7 Prozentpunkte mehr als noch im Mai 2021. Gemessen an der Anzahl der Bezahlvorgänge kommt das Bargeld damit auf Rang zwei unter den Bezahlmethoden. Beim Umsatzanteil hingegen hatte es den Rang zwei hinter der Debitkarte zuletzt 2020 inne und kommt seitdem nur noch auf Platz drei hinter der Kreditkarte. Den Umsatzanteil des Bargelds gibt die Studie mit 15,5 Prozent an - 2,8 Prozentpunkte weniger als in der Vorgänger-Umfrage.

Ebenfalls verloren hat die nichtmobile Nutzung der Kreditkarte (minus 1,7 Prozentpunkte), die sich mit einem Umsatzanteil von 22,8 Prozent aber auf Platz zwei hinter der Debitkarte hält, gemessen an der Anzahl der Transaktionen jedoch nur ungefähr halb so häufig gezückt wird und für 16,4 Prozent aller Transaktionen steht.

Abbildung 2: Debitkarte auch bei den Transaktionen vorn Quelle: Swiss Payment Monitor 1/2022

Nur knapp hinter der Kreditkarte kommt das mobile Bezahlen mit einem Anteil von 13,3 Prozent. Beim Umsatzanteil hat das Mobile Payment zudem gegenüber der letzten Erhebung am stärksten zugelegt, nämlich um 3,3 Prozentpunkte auf 12,6 Prozent.

Trend zum Mobile Payment ungebrochen

Während die übrigen marginalen Veränderungen bei der Einsatzhäufigkeit der Zahlungsmittel der Studie zufolge auf eine Stabilisierung des Zahlungsverhaltens nach 20 Monaten Corona-Pandemie hindeuten könnten, hält der Trend zum vermehrten mobilen Bezahlen weiter an. Mehr denn je ist die Schweiz somit im Vergleich zu Deutschland ein Mobile-Payment-Land.

Die Beliebtheit des mobilen Bezahlens nimmt dabei in allen Bereichen weiter markant zu, vor allem auf Kosten des Bargelds und dem nichtmobilen Bezahlen per Debit- und Kreditkarte.

  • Im Distanzgeschäft wird mittlerweile jede zweite Zahlung über ein mobiles Gerät abgewickelt, was vor allem auf Zahlungen in Apps mit integrierter Bezahlfunktion zurückzuführen ist.
     
  • Auch im Präsenzgeschäft kommt das mobile Bezahlen immer häufiger zum Zug, vor allem für Zahlungen in einem Ladengeschäft mit QR-Code oder via NFC. Am stationären PoS werden 7,6 Prozent aller Transaktionen mobil abgewickelt; gemessen am Umsatz beträgt der Anteil am Zahlungsmix sogar 8,3 Prozent. Beides entspricht Rang drei unter den Bezahlarten.

Der Erfolg des mobilen Bezahlens in der Schweiz liegt in erster Linie an Twint. Entstanden im September 2016 aus der Fusion der damaligen beiden Schweizer Bezahl-Apps Paymit (UBS, Six und diverse Banken) und Twint (Postfinance), zählte das Verfahren im November 2021 vier Millionen aktive Nutzer - das ist fast die Hälfte der Schweizer Bevölkerung. Twint ist damit die mit Abstand meistgenutzte mobile Bezahllösung in der Schweiz und hat im Vergleich zum Swiss Payment Monitor 2/2021 nochmals deutlich zugelegt, während Apple Pay als zweitmeist genutzte mobile Bezahllösung relativ gesehen einem leichten Rückgang verzeichnete. 62,9 Prozent des Umsatzes und 61,3 Prozent der mobilen Transaktionen werden mit Twint abgewickelt. Beide Werte haben im Vergleich zum Swiss Payment Monitor 2/2021 um rund zehn Prozentpunkte zugenommen.

Abbildung 3: Twint unangefochtener Mobile-Payment-Marktführer Quelle: Swiss Payment Monitor 1/2022

Apple Pay als zweitmeist genutzte mobile Bezahllösung macht rund 8,8 Prozent (minus 2,0 Prozentpunkte gegenüber Mai 2021) des Umsatzes und 12,4 Prozent (minus 2,0 Prozentpunkte) der Transaktionen mit mobilen Geräten aus.

Mit einem Transaktionsanteil von 8,9 Prozent der mobilen Transaktionen in der Schweiz steht die App der Schweizer Bahngesellschaft SBB an dritter Stelle, gefolgt von Samsung Pay (4,0 Prozent der Transaktionen, minus 2,2 Prozentpunkte) und Google Pay (2,2 Prozent, plus 0,9 Prozentpunkte). Der Umsatzanteil von Samsung Pay beträgt 5,2 Prozent (minus 1,5 Prozentpunkte), derjenige der SBB-App 2,9 Prozent (plus 1,1 Prozentpunkte) und der von Google Pay 1,7 Prozent (plus 0,6 Prozentpunkte)

Abbildung 4: Drei Viertel der Twint-Zahlungen mit direkter Kontoanbindung Quelle: Swiss Payment Monitor 1/2022

Bezahl-Apps nutzen vor allem Kreditkarten

Unter allen Twint-Zahlungen sind rund 78 Prozent direkt mit dem Bankkonto verknüpft, gefolgt von der Kreditkarte (13,4 Prozent) und Prepaid beziehungsweise Vorauskasse (4,6 Prozent). Bei 20 Banken mit eigener Twint-App (die 20. Bank kam im November 2021 dazu), haben inzwischen rund 90 Prozent aller Bankkontobesitzer in der Schweiz die Möglichkeit einer direkten Kontoanbindung an die Twint-App.

Andere mobile (Bezahl-)Apps wie Apple Pay, Google Pay, Samsung Pay oder auch SBB Mobile sind hingegen hauptsächlich mit der Kreditkarte verbunden: 65,3 Prozent der Transaktionen mit sonstigen (Bezahl-)Apps basieren auf Kreditkarten, gefolgt von direkter Kontoanbindung (13,2 Prozent) und der Debitkarte (11,2 Prozent).

Am häufigsten mobil bezahlt wird über Apps mit integrierter Bezahlfunktion (27,9 Prozent der Transaktionen), gefolgt von Zahlungen vor Ort in Ladengeschäften mittels QR-Code (22,6 Prozent) oder via NFC (21,2 Prozent). Auch gemessen am Umsatzanteil stehen diese drei Zahlungsverfahren in derselben Reihenfolge an der Spitze der Rangliste, wenn auch die Anteile jeweils etwas geringer ausfallen.

Drei Viertel der Barzahlungen unter 20 Franken

13,8 Prozent der Befragten verzichten mittlerweile komplett auf das Mitführen von Bargeld im Portemonnaie. 58,2 Prozent geben an, üblicherweise zu Hause Bargeld vorzuhalten, beispielsweise für unvorhergesehene Ausgaben. Obwohl diese Werte in etwa stabil sind, wird Bargeld mit Blick auf Imagedimensionen beinahe durchweg leicht negativer beurteilt als in den vorangehenden Erhebungen: Es wird als unzuverlässiger, unsicherer, unnötiger, unbeliebter, umständlicher, teurer und suspekter beurteilt, als schwieriger in der mit geringerer Kontrolle einhergehend und schwieriger in der Beschaffung beurteilt. Letzteres könnte auf den Umstand zurückzuführen sein, dass die Anzahl der Geldautomaten und Bankfilialen in der Schweiz insbesondere seit Ausbruch des Corona-Virus zurückgegangen ist.

In bar bezahlt wird vor allem im Kleinbetragsbereich unter 20 Schweizer Franken, was rund 75 Prozent aller Bargeldzahlungen entspricht. Die Betragshöhe ist bei 40,1 Prozent der Bartransaktionen ausschlaggebend für die Wahl des Bargelds als Zahlungsmittel. Es folgen Gewohnheit (23,6 Prozent) und persönliche Präferenz für Barzahlung beim jeweiligen Händlertyp (18,7 Prozent) als Gründe für die Bargeldzahlung. In 13,5 Prozent der Fälle akzeptierte der Händler nur Bargeld. Die Geschwindigkeit der Barzahlung wurde von 10,7 Prozent der Barzahler als Grund dafür genannt, 7,7 Prozent hatten keine bargeldlosen Zahlungsmittel bei sich. Und nur in 6,5 Prozent der Fälle fiel die Wahl auf Bargeld, weil das bevorzugte Bezahlverfahren nicht akzeptiert wurde.

Digitales Zentralbankgeld noch wenig bekannt

Die Begeisterung für digitales Zentralbankgeld hält sich auch bei den Schweizern noch in Grenzen. Nur knapp jeder Vierte fände die Einführung eines digitalen Franken sehr gut (6,4 Prozent) oder eher gut (17,7 Prozent). Fast jeder Fünfte (19,9 Prozent) spricht sich dezidiert dagegen aus ("finde ich überhaupt nicht gut". Und zwei Fünftel der Befragten ist unentschieden.

Das wiederum dürfte vor allem daran liegen, dass das Verständnis für digitales Zentralbankgeld in der Schweizer Bevölkerung noch sehr vage ist. Nur 13,8 Prozent der Befragten gaben an, digitales Zentralbankgeld zu kennen.

Bei näherem Nachfragen zeigte sich sogar, dass nur rund 4,5 Prozent mit Stichworten eine korrekte Erklärung abgeben konnten, was darunter zu verstehen ist. Demgegenüber gab rund jede zehnte befragte Person an, virtuelle Währungen beziehungsweise Kryptowährungen im Allgemeinen zu kennen und zu nutzen. Das entspricht einem Anstieg von rund vier Prozentpunkten innerhalb eines Jahres.

Swantje Benkelberg , Chefredaktion, bank und markt, Cards Karten Cartes , Fritz Knapp Verlag

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